Heimspiel

Eine echte Heimrallye konnte ich das letzte Mal 2006 genießen. Die Tatsache, dass Motorsport in und um der Hauptstadt unserer Republik ein Schattendasein lebt, zwingt mich immer wieder aufs neue meine Sachen zu packen und den nächsten Zug in die Richtung zu nehmen, in der Rallyesport noch "akzeptiert" wird. Umso schöner der Umstand, dass ich mein diesjähriges Finale, die Havellandrallye, direkt von meiner Arbeitsstelle aus erreichen konnte und ich mich über 20 km Anfahrtsweg nicht zu beschweren brauchte.

Nach drei Monaten Pause chauffierte mich diesmal wieder Dark Liebehenschel im schwarzen Citroën C2R2 Max über die, nach 3 Tagen ununterbrochenen Regens, völlig aufgeweichten und schmierigen Platten- und Schotterwege südwestlich der Spargelhochburg Beelitz. Vier Wertungsprüfungen (WP) galt es jeweils zweimal zu absolvieren, wobei die letzten drei Durchgänge bei absoluter Dunkelheit gefahren werden mussten. Als einziges Fahrzeug unserer Klasse wurden wir mit der nächsthöheren, leistungsstärkeren Klasse zusammengelegt. Wir nahmen dies unvermittelt zur Kenntnis, denn wir wollten bestes Fahrzeug mit Frontantrieb werden und um das zu erreichen hätten wir unsere neuen Konkurrenten eben auch schlagen müssen.

Auf der ersten 8 km langen WP "Neuendorf" wollten wir es "ruhig" angehen lassen. Das sollte uns aber nicht daran hindern nach einer langen Geraden einen Abzweig zu spät anzubremsen, notdürftig mit der Handbremse zu retten, um 500 m später auch einen kleinen Ausritt ins Feld unbeschadet zu überstehen. Wir verloren 5 Sekunden auf das stark fahrende Team Marek Goldblohm und René Sommer im Golf 3 GTI. Auf der folgenden WP "Nichel" konnten wir unseren Rückstand in einen Vorsprung von einer Sekunde wieder ummünzen. Auf dem anschließenden Rundkurs "Brück" hatten wir eine weitere Schrecksekunde, als das nervöse Heck des Citroëns an der schnellsten Passage unerwartet ausbrach und wir die weite Auslaufzone des benachbarten Feldes nutzen mussten, um weiteres Übel zu verhindern. Trotzdem konnten wir unseren Vorsprung auf Goldblohm auf 3 Sekunden ausbauen.

"Ein Fehler ist erst dann ein Fehler, wenn man ihn ein zweites mal gemacht hat. Alles davor heißt Leben und Lernen!" Warum ich das schreibe? Weil unser zweiter Ritt über die WP "Neuendorf" eine Blaupause des ersten Durchganges war. Selber Abzweig. Gleicher Verbremser. 500 m später. Selbe Stelle. Gleicher Ritt durchs Feld. Aber trotz dieser "wahren" Fehler konnten wir in der Summe unseren Vorsprung auf zuerst 4 und nach "Brück" sogar auf 5 Sekunden weiter vergrößern.

Aber Ausruhen und Verwalten gab es nicht. Auch nicht in der Servicezone, in der eigenständig Reifen gewechselt und das Auto für die WPs in der Dunkelheit angepasst werden durften. Doch der kleine französische Floh wollte auf einmal nicht mehr anspringen. Nicht einmal durch das freundliche Anschieben des Wittenberger Teams Fräßdorf/Eißner. Ich war gedanklich schon auf dem Weg die Bordkarte abzugeben, da hörte ich auf einmal hinter mir, wie der Motor wieder aufheulte. Eine Sicherung hatte sich gelöst und Dark's unermüdliche Fehlersuche wurde mit unserer Weiterfahrt belohnt. Aufgeben gibt es scheinbar nicht bei ihm.

Unsere erste gemeinsame WP im Dunkeln, war trotzdem nicht das Gelbe vom Ei. Dark hatte daran die geringste Schuld, es war vielmehr mein Timing, dass nicht wirklich passte. Ich hatte keinen richtigen Fluss und war oft zu früh mit meinen Ansagen – insbesondere, weil ich die schnellen Kurven nicht mehr sah und auch nicht mehr spürte. Konsequenterweise "betet" man dann lieber schneller als zu langsam. Aber auch das verunsichert einen Fahrer. Ich war unzufrieden mit mir selbst.

Unser Kampf mit dem Team Goldblohm/Sommer löste sich in technischen Problemen an ihrem Golf auf. Doch auf einmal stellten Bernd Knüpfer und Daniel Herzig im Opel Astra GSI Ansprüche auf den Thron der Frontkratzer, zogen nach 7 WPs an uns vorbei und hatten vor dem Finale einen Vorsprung von 3,8 Sekunden. Auf den letzten 10 km mussten wir also noch einmal alles geben. Diesmal mit besserem Timing meinerseits, um Dark attackieren lassen zu können...

Wir mussten lange auf das endgültige Ergebnis warten. Erst als wir schon im Ziel in Beelitz waren, wussten wir, dass sich unser Kampfgeist gelohnt hat. Eine nicht ganz perfekte Rallye fand ihr perfektes Ende. Mit knapp 3 Sekunden Vorsprung wurden wir das beste Team mit Frontantrieb, gewannen unsere Klasse und konnten uns über einer feinen 5. Gesamtrang freuen.

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Ein großes Dankeschön geht an die Jungs von
Makrocarshamm Motorsport für die kurzfristige Vorbereitung des Citroëns und dem freundlichen Peugeot Autohaus Herrmann und Langer für die spontane Unterstützung. Es war ein schweres aber tolles Heimspiel.