Willkommen im Sekundenkampf

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Die Wartburg Rallye 2016 war in gewisser Weise eine Blaupause meiner gesammelten Erfahrungen neben Tina Wiegand. In der Summe allerdings auf einem definitiv höheren fahrerischen Niveau, als ich es noch vor 1,5 Jahren bei unserer ersten gemeinsamen Ausfahrt vorfand. Wahrlich ansprechende Zeiten, die den ein oder anderen der 22 Herrenteams in unserer Division teilweise überrascht aufs Smartphone und das Zeitentableau schauen ließen – dann aber auch wieder Phasen der unbegründeten Unsicherheit und Zaghaftigkeit. Doch der Reihe nach...

Rallyesport im Thüringer Wald und unter der alles überwachenden Wartburg ist immer wieder ein ganz großes Volksfest. Insbesondere spürt man dies beim Showstart am Freitagabend auf dem Markt in Eisenach, wo Zuschauer in Fünferreihen die Teilnehmer bejubeln, begrüßen und in der Region willkommen heißen. Da fühlt man sich ganz plötzlich nicht mehr im Schatten anderer Motorsportarten, sondern direkt im Fokus der deutschen Motorsportwelt. So wie es eigentlich auch sein soll.

Dass der Veranstalter den Brennpunkt mehr und mehr auf den Zuschauermagnet "Cosmodrom" verlagert, schmeckt nicht jedem Teilnehmer. Ich bin in dieser Hinsicht geteilter Meinung. Ich liebe die Herausforderung der wahren Wartburg Klassiker wie "Waldhaus", "Gollert" oder "Heldrastein". Wenn die Zeiten jedoch, wie in diesem Fall, für Tina, das Team und das "Cosmodrom" sprechen, ist mir das aber auch ganz recht, denn mit der 9. Zeit hatten wir einen überraschend guten Start in die Rallye.

Dann ging es auf das Waschbrett "Heldrastein". Gerüchte besagen, das Jahr für Jahr losgelöste Zahnfüllungen von Rallyefahrern, für erhöhten Umsatz bei Zahnärzten führen. Die WP Heldrastein soll der Grund dafür sein. Bei uns blieben alle Füllungen drin und wir konnten uns im Mittelfeld der Division festbeißen.

Der bereits oben erwähnte Leistungseinbruch folgte auf den anschließenden Klassikern "Waldhaus" und "Alte Gollert". Wir verloren den Anschluß ans Mittelfeld, wollten diesen beim zweiten Durchgang auf dem "Cosmodrom" aber wieder unbedingt herstellen und die verlorene Zeit wieder gut machen. Doch ein lädierter Rückenwirbel eines Streckenpostens vereitelte unsere Ambitionen. Nachdem wir 25 Minuten am Start warten mussten, wurde die WP wegen Zeitverzögerung abgebrochen. Frustriert räuberten wir über "Heldrastein 2" und erlebten am Ende die berühmte Täuschung zwischen Realität und persönlicher Wahrnehmung. Später und aggressiver auf der Bremse, mutiger in den Kurveneingang, aber am Ende 5 Sekunden langsamer als beim ersten Durchgang...

Es wurde Nacht in Thüringen und unser nur notdürftig leuchtender Lampenbaum war leider keine große Hilfe, um schnell und zügig die 4. Runde zu überstehen. Trotzdem schafften wir es mit Biegen und Brechen auf dem guten 10. Platz in die wohlverdiente Nachtruhe zu gehen.

Am nächsten Morgen dann, ein Déjà-vu. Zeitkontrolle Service OUT. Ich setzte mich ins Auto, ordnete meine Sachen und wunderte mich über den Platz, den ich auf einmal zur Verfügung hatte. Ich schaute mich kurz um: Keine Helme. Ein kurzer Sprint zum Servicebus, Helme schnappen, rechtzeitig stempeln und wieder runter kommen. Dem aufmerksamen Leser dieses Blogs wird auffallen, dass diese Situation vor genau sechs Jahren, zum gleichen Zeitpunkt der Rallye schon einmal beschrieben wurde...

Was die Zeitenjagd an besagtem Sonntagmorgen betrifft, so befanden wir uns urplötzlich inmitten eines heißen Sekundenkampfes. Acht Teams absolvierten die 7,8 km lange WP "Hohe Sonne" innerhalb von 3 Sekunden. Und wir irgendwie mitten drin. Was auf den nächsten sechs Abschnitten folgte, waren vielleicht Tina's beste Leistungen seit Jahren. Sie nutze jeden Meter der zur Verfügung stehenden Straße, ließ ihr "Lupinchen" schön laufen und hielt auch in den schnellen Abschnitten ordentlich rein. Belohnt wurden diese Mühen mit der 6. Zeit auf der Powerstage und einem schönen Ausrufezeichen, auf das sie durchaus stolz sein kann. Warum eigentlich nicht immer so, dachte ich mir im Stillen im Ziel und freute mich über eine rundum gelungene Veranstaltung.

Ein großes Dankeschön geht an die Jungs von ASWA Motorsport, die den Lupo technisch vorbereiteten und während der Rallye betreuten.


Bildquelle: Wolleditt