Reifeprüfung bestanden

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"Wann war das letzte Mal, dass Du etwas zum ersten Mal gemacht hast?" – Je älter man wird, umso schwieriger wird es diese Frage ad hoc zu beantworten. Doch manchmal passieren einem Dinge im Leben, die verändern auf einen Schlag Alles, bringen frischen Wind ins fehlende Haupthaar und mich zu folgender Antwort: Ich habe am letzten Wochenende das erste Mal einen Rallyefahrer von der Schule abgeholt, um anschließend mit ihm rund um Merzig im Saarland auf Zeitenjagd zu gehen. Klingt komisch, ist aber so...

Dankbar folgten wir dem Angebot von Sven Langenfeld Racing, der uns für Romans Heimveranstaltung seinen Ford Fiesta R2 zur Verfügung stellte. Während Roman schon des Öfteren die Möglichkeit hatte, das Fahrzeug zu testen, lagen meine Erfahrungen mit dem R2 bei Null. Sitze und Gurte anpassen, kleine technische Hinweise des Besitzers - das musste reichen. Nachdem wir anschließend den administrativen und technischen Teil der Rallye hinter uns gebracht hatten, wurde ich am Abend in die saarländische Lebenskultur im Hause Schwedt eingeweiht. Gute Musik, Hauswein und "Verheiratete" inbegriffen.

Am nächsten Morgen ging es zur Besichtigung der Wertungsprüfungen (WP). Hier offenbarte sich Romans derzeitige größte Schwäche: Wie beschreibe ich den Streckenverlauf mit meinen eigenen Worten und transformiere sie schnell und effektiv in eine einprägsame Kodierung. Es ist vermessen zu erwarten, dass er dies bereits nach einer gefahrenen Rallye können müsse. Dazu fehlt es ihm erstens an der Erfahrung und zweitens am passenden Vokabular. Deshalb erarbeiteten wir gemeinsam eine saubere Notation und brachten einen schönen Fluss in die Sache rein. Außerdem waren Vorausahnungen und Details zur Entwicklung der Straßenoberfläche unabdingbar, denn nach einer regenreichen Herbstwoche verwandelten sich die Strecken in einen schmierigen Mix aus Laub und Schlamm. "Slip" in den Kurven, "Slip" beim Anbremsen, "Slip" überall...

Wie würde Roman mit den schw(m)ierigen Bedingungen klar kommen? Nach außen war ich cool, aber diese Frage beschäftigte mich vor dem Start am Meisten und trieb meine Nervosität in die Höhe, je näher wir an den Start der ersten WP "Kewelsberg" kamen... Die Uhr tickte runter 40, 30, 20, 15, 10, 5, 4, 3, 2, 1... alle Bedenken verflogen.

Roman fuhr eine blitzsaubere Rallye - als hätte er seit 17 Jahren nichts anderes gemacht. Abgeklärt, mit Kopf und Übersicht, immer mit dem Ohr am Aufschrieb. Vorsichtig an den Stellen, wo man die Rallye nur verlieren konnte. Attacke, da wo es die Bedingungen zuließen. Roman lässt sich toll führen und setzt die Dinge, die man ihm vorschlägt so unglaublich schnell in die Tat um. Teamwork, wie es sein soll. Dass alles zeugt von einer Reife, die mich oft vergessen lässt, wie jung der Bursche eigentlich erst noch ist und wieviel Freude er mir im tiefsten Innern eigentlich bereitet.

Im Ziel feierten wir einen großartigen 9. Gesamtrang, gewannen unsere Klasse und waren bestes Fahrzeug mit Frontantrieb. Abschließendes Zeugnis: Reifeprüfung mit Auszeichnung bestanden - aber jetzt zurück in die Waldorfschule und pauken. Diese Woche steht eine Musikarbeit an...


Bildquelle: RallyeActionSaar