Aberglaube...

... spielt im Rallyesport eine unerklärliche große Rolle. Wenn man sich im Servicepark einer Rallyeveranstaltung einmal in den Rallyefahrzeugen umschaut, dann findet man sehr viele Hinweise darauf. Zwischen Käfig, Bremsleitungen und Feuerlöschanlagen finden immer wieder kleine Glückbringer, Stofftiere oder lustige Sticker ihren rechtmäßigen Platz, um die Besatzung wieder heil nach Hause zu ihren Lieben zu bringen. Ich habe es zwar nicht so sehr mit Stofftieren, nutze aber zum Beispiel seit 8 Jahren ein und den selben Fallminenbleistift. Ohne den geht es einfach nicht.

Ganz schlimm wird es, wenn alte Dinge durch Neue ersetzt werden müssen und noch keine Erfolgspatina angesetzt haben. Das ist dann immer mit einem komischen Gefühl verbunden und wird möglichst vermieden oder weitestgehend hinausgezögert. Meine feuerfesten Socken haben schon so viele Löcher und werden vor jeder Rallye immer wieder mühevoll gestopft, nur um ja nicht "unerfahrene" zu tragen. Und auch sonst weicht man von seinen gängigen Ritualen nur widerwillig ab. Rituale geben einem die nötige Sicherheit und Entspannung bei der Ausführung seiner Aufgaben, denn nur ein entspannter Beifahrer behält den Überblick und kann auf unvorhersehbare Dinge angemessen reagieren.

Als ich mich am letzten Donnerstag vom Berliner Hauptbahnhof Richtung Thüringen Rallye in Pößneck aufmachte, fand ich unter einer Bank einen Glückscent. Ein gutes Omen für meine Ausfahrt mit Veit König und dem wieder reparierten weißen "Swiftl". Dreimal kurz draufgespuckt, verschwand das gute Stück schnell in meiner Hosentasche.

Wir wollten unbedingt den Klassensieg, um uns für die Mühen der letzten Wochen zu belohnen und auch, um den kleinen psychologischen Knick vom letzten Unfall wieder auszubügeln. Die Rallye Thüringen ist das beste Pflaster dafür, denn auf den extrem schnellen und flüssigen Wertungsprüfungen (WPs) braucht es vor allem Mut, einen Aufschrieb, der nun alle möglichen Bordsteine und Kanten enthielt, und eine gute Stimmung im Team. Die ist bei König Rallyesport eigentlich immer gegeben – quasi das Salz unserer Rallyesuppe.

Fahrerisch war Veit zwar nicht so gut drauf wie bei seiner Heimveranstaltung vor 4 Wochen, er nahm den Swift aber auch nicht ganz so hart ran. Das machte aber alles irgendwie nichts, denn die Zielvorgabe mit Bestzeiten zu glänzen, konnten wir trotzdem erreichen und lagen am Freitag nach 2 WPs bereits mit 20 Sekunden in Führung. Diese konnten wir am Samstagmorgen sogar noch ein bisschen ausbauen, bevor es zum ultraschnellen Rundkursklassiker an der "Bankschenke" ging.

Veit hatte alles unter Kontrolle, nutze jeden Zentimeter der Straße und hatte sichtlich Spaß an der Sache. Während der zweiten Runde liefen wir langsam auf den Opel Adam des Eisenacher Teams Wawrzyniak/Strauch auf. Auf kurzen Geraden konnte ich sehen, wie wir Stück für Stück den Abstand reduzierten, der im Winkel der Kurven aber immer wieder verschwand. Im Kurvenausgang einer schnellen Linkskurve hörte ich es trotz Helm und unserem lautem Motorgeräusch auf einmal hölzern knacken. Ich schaute kurz hoch und sah nur noch wie sich der Opel links von uns senkrecht in den Wald überschlug. Wir waren bereits relativ nah an ihm dran gewesen und hatten Glück, dass er nicht zurück auf die Straße rollte. Ich dachte kurz an den Cent vom Hauptbahnhof...

Die WP wurde daraufhin neutralisiert und alle nach uns startenden Teams bekamen eine Zeit vom Veranstalter notiert, die eine halbe Minute langsamer war als unsere gefahrene. Unser Vorsprung vergrößerte sich dadurch auf über eine Minute und eigentlich konnte uns nur noch eine technisches Problem stoppen. Und das kam.

Wie schon bei der Erzgebirsrallye verrichtete die Kupplung ihre Arbeit nicht mehr wie sie sollte. Das Anfahren wurde von mal zu mal mühsamer und auch die Leistung der Antriebseinheit wurde dadurch stark beeinflusst, weil die Druckplatte der Kupplung den Kontakt zwischen Motor und Getriebe nicht mehr konstant aufrechterhalten konnte. Wir hofften jedoch, dass alles halten würde und fuhren mit dem weidwunden Swift noch eine Bestzeit.

Vor der achten WP gab es eine kleine Unterbrechung im Ablauf der Veranstaltung. Ich stieg aus dem Auto aus und vertrat mir zwischen der Zeitkontrolle und dem Start der WP die Beine. Ich dachte daran, dass schon alles gut gehen würde, denn immerhin hatte ich ja den Glückscent gefunden. Doch was, wenn das Glück des Cents bereits am Morgen auf der "Bankschenke" aufgebraucht worden ist? Just in dem Moment stolperte ich kurz - es war mein rechter Fuß. Der Aberglaube besagt: Stolpern mit rechts bringt schlecht's...

Wir schafften es noch über die WP und zurück in den Service, gaben dort aber endgültig auf, auch um einen Folgeschaden am Motor zu verhindern. Während unsere Mechaniker bereits alles einpackten, Fehleranalyse betrieben und bereits Pläne schmiedeten, wie sie das Problem beheben könnten, saß ich noch da, rauchte eine Zigarette und gab dem verdammten Aberglauben die Schuld.