Die Sache mit dem Bordbuch

Bis zum nächsten Lauf in der Citroën Trophy mit Tina Wiegand sind es noch gut 6 Wochen. Um nicht aus der Übung zu kommen, müssen wir irgendwie das Sommerloch überbrücken. Am Besten macht man dies bekanntlich mit...? – Genau, mit Rallyefahren. Und so bot es sich für mich an, nach 11 Jahren wieder einmal Weida und die Osterburg zu besuchen. Dazu muss man sagen, dass es bei dieser Rallye zwar auch ums Rasen in bunten Autos geht, aber vielmehr zählt noch das Zusammensein unter Freunden (keine Sorge: Details zu "WP7" bleiben intern).

Wie bei jeder anderen Rallye auch, muss man am Vorabend die sogenannte "Dokumentenabnahme" über sich ergehen lassen. Dort wird alles geprüft was Papier und Stempel hat – vom Fahrzeugschein und Führerschein bis Versicherungsunterlagen und Lizenzen. Wenn alles korrekt ist, erhält man anschließend als Belohnung die Unterlagen für die Rallye. Diese beinhalten neben den Startnummern, die zwei wichtigsten Dinge für den Beifahrer: "Ihre Heiligkeit" die Bordkarten, in denen alle Zeiten und Stempelkontrollen notiert werden und "Ihre Majestät" das Bordbuch, das die verbindliche Rallyestrecke vorgibt. Meine erste Amtshandlung ist es immer die Bordkarten auf Vollständigkeit zu prüfen und die Seiten des Bordbuchs durchzuzählen. Nichts ist schlimmer, als wenn man während der Rallye feststellen muss, dass eine oder mehrere Seiten fehlen. Diesmal war, wie eigentlich sonst auch, alles korrekt.

Am nächsten Morgen machten Tina und ich uns schon sehr zeitig auf den Weg, um die Wertungsprüfungen (WPs) abzufahren und unseren Aufschrieb zu erstellen. Wir fuhren nach dem Bordbuch, das ich am Vorabend erhalten habe. Ich wunderte mich kurz, dass eine Umleitung in der Stadt nicht angegeben war, dachte aber, dass es dafür vom Veranstalter noch eine Bordbuchänderung geben würde. Kein Drama. Wir fuhren zur ersten WP. Die Startlinie war auf den Asphalt gezeichnet und Tina erzählte mir danach etwas über den Kurvenverlauf, den ich wie gewohnt bis zur Ziellinie (ebenfalls auf den Asphalt gezeichnet) in mein Gebetbuch notierte. Nach der Kontrollfahrt war alles gut. Wir fuhren weiter nach unserem Bordbuch zur zweiten WP. Dort verwirrte mich die Tatsache, dass das Ziel auf einmal viel früher erschien, als es die Absperrungen und Streckenpostenmarkierungen vermuten ließen. Ich regte mich darüber auf, dass das Bordbuch vorne und hinten nicht passt und nahm mir vor, dies bei unserer Rückkehr ins Rallyezentrum mit der Rallyeleitung zu klären, denn komischerweise schien alles andere darin in Ordnung zu sein.

Auf dem Weg zur Rallyeleitung fiel es mir dann wie Schuppen von den Augen, als ich auf das Deckblatt des Bordbuches schaute. Ich erhielt bei der Dokumentenabnahme die Ausgabe aus dem letzten Jahr – sprich 2014. Ich ging zur Rallyeleitung und bat freundlichst um eine aktuelle Version. Allerdings waren mir bis vor dem eigentlichen Start der Rallye die Auswirkungen des Austausches noch nicht bewusst. 10 Minuten vor unserer Startzeit, unterhielt ich mich noch kurz mit einem Fahrerkollegen. Das Gespräch ging ungefähr so:

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Ich: "Fahrt ihr die Wellen auf dem bröckeligen Asphaltstück auf WP1 voll!"
Kollege:
"Was für Wellen? Ich mache mir eher Gedanken um den Plattenweg!"
Ich:
"Was für Platten?"

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Erst da dämmerte mir, dass die WP1 aus dem letzten Jahr und trotz Start/Ziel Markierung dieses Jahr gar nicht gefahren wird. Na prima! Und was nun? Erst einmal Ruhe bewahren...

Wir machten ein Foto vom Aufschrieb des hinter uns startenden Teams Schorsch/Blechschmidt, den ich auf dem Weg zum offiziellen Start "notdürftig" an unsere Notation anpasste. Das wechselhafte Regenwetter sorgte für zusätzliche Anspannung und so fuhren Tina und ich mit fremden Aufschrieb, fast nur auf Sicht und mehr schlecht als recht über die für uns komplett unbekannte Strecke.

Glücklicherweise hatten wir die zwei anderen WPs richtig notiert. Der Regen hörte auf. Die Strecken noch immer feucht. Tina's Defizit unter rutschigen Bedingungen machte sich auch hier wieder bemerkbar. Leider kann ich ihr als Beifahrer da nicht wirklich weiterhelfen. Das sind Dinge, die sie selbst "Erfahren" muss. Das weiß sie aber auch selbst und ärgert sich im Ziel entsprechend, wenn sie selbst in übersichtlichen und relativ unproblematischen Abschnitten kein Vertrauen in sich und das Auto entwickeln konnte. Als es jedoch trockener wurde, hatte sie mehr Spaß am Fahren. Sie fuhr dann entspannter als sonst und tastete sich auch immer mehr ans Limit von Bremse und Reifen heran. Das spiegelte sich auch in unseren Zeiten wieder.

Kurze Aufregung gab es noch einmal am Ende der Rallye. Die Tankanzeige des Citroëns leuchtete schon seit geraumer Zeit und wir waren uns nicht sicher ob der Kraftstoff bis ins Ziel reichen würde. Lachend sahen wir mich schon das Auto den Berg hoch ins Park Ferme schieben. Aber Tina fuhr effizient und energiesparend die Rallye mit dem letzten Tropfen Benzin zu Ende.

Das wir nicht um den Sieg in der Klasse mitkämpfen konnten, war unter den gegeben Umständen eigentlich von Anfang an klar. Wir wurden am Ende dritte unserer Klasse und gewannen zu unserer eigenen Überraschung unseren ersten gemeinsamen kleinen Pokal. Eigentlich hasse ich diese platzraubenden Staubfänger, aber über diesen habe ich mich richtig gefreut.

p.s. An dieser Stelle möchte ich an alle Beifahrer da draußen appellieren:
Es ist Eure Pflicht alle Unterlagen auf Richtigkeit zu überprüfen. Das beinhaltet ab jetzt auch das Datum des Bordbuches...