Mein erstes Mal...

... mit einer Frau. Um es schon einmal vorweg zu nehmen – hierbei geht es nicht um meine ersten sexuellen Erfahrungen mit dem anderen Geschlecht, sondern vielmehr um die Tatsache, dass ich zum ersten Mal mit einer Frau eine Rallye fuhr. Und zwar am Wochenende des Internationalen Frauentages...

Frauen sind, wie in allen anderen Bereichen des Lebens, auch im Rallyesport auf dem Vormarsch und schon lange keine Exoten mehr. In einer ausgesprochenen Männerdomäne haben sie es jedoch nicht immer leicht, werden häufig von den Herren der Zunft müde belächelt und brauchen mitunter viel Geduld, Selbstvertrauen und Kraft, um sich zu behaupten.

Ich hatte nie ein Problem mit Frauen auf der fahrerischen Seite des Motorsports, denn sie gehörten für mich und mein Umfeld immer dazu. Mein Vater fuhr in den 1980ern einige Jahre mit Monika Petzold erfolgreich in der DDR Meisterschaft und auch meine Mutter war ab und zu bei Slaloms und Geschicklichkeitsfahrten (neudeutsch: Gymkhana) immer schnell und sicher unterwegs.

Tina Wiegand kontaktierte mich Anfang des Jahres und fragte, ob ich mir eine Zusammenarbeit mit ihr vorstellen könnte. Sie wollte jemanden mit Erfahrung an ihrer rechten Seite, jemand der Ruhe ins Rallyeauto bringt, ihre Nervosität in Zaum hält, sie anspornt und ihr, nach ihrem schweren Unfall, wieder Selbstvertrauen gibt. Ich bin in meinem Leben immer mit Männern gefahren, wo ich das alles nicht tun musste. Ich brauchte daher etwas Bedenkzeit.

Nach ein paar Tagen sah ich diese neue Herausforderung als eine motivierende Mission an, bei der ich nichts zu verlieren hatte. Und da es die Konstellation "Wiegand/Wichura" in persona unserer Väter schon einmal gab, hatte es auch noch einen schönen wiederbelebenden Effekt. Warum also nicht. Und so vereinbarten wir vier Veranstaltungen innerhalb der Citroen Racing Trophy gemeinsam zu bestreiten.

Zur ersten großen deutschen Rallyeveranstaltung des Jahres fuhren wir am letzten Wochenende ins frühlingshafte Saarland. Wir mussten allerdings einen kurzen Umweg über Köln nehmen, wo uns die offizielle Eröffnung der Trophy durch die Chefetage von Citroen Deutschland erwartete und 20 brandneue Serien-DS3 an die einzelnen Teilnehmer feierlich für die gesamte Saison übergeben wurden. Zum Einfahren der Fahrzeuge nutzte man anschließend die 200 km Autobahn in Richtung Saarland.

Am Freitagmorgen ging es dann los. Das Abfahren der anspruchsvollen und sehr schmierigen Wertungsprüfungen (WPs) rund um St. Wendel. Die Stimmung zwischen Tina uns mir war super und ich musste auf dem Rückweg in den Servicepark feststellen, dass ich noch nie in meinem Leben einen so entspannten Aufschrieb erstellt habe. Tina war für alle Vorschläge, die ich hatte, offen und so generierten wir gemeinsam eine saubere und runde Basis auf Papier, die ihr Vertrauen geben sollte. Sie ließ sich von nichts beirren oder ablenken, sondern war fokussiert auf die Sache ihr Bestes zu geben und ihre eigene fahrerische Grenze, die sich für mich später eigentlich als reine Mutgrenze herausgestellte, weiter nach oben zu verschieben.

Ab einem gewissen Level, kann ein Beifahrer keine Rallye gewinnen, aber durch einen kleinen Fehler sehr schnell eine verlieren. Wenn man jedoch Aufbauarbeit leistet, dann ist der Einfluss des Beifahrers ein ganz anderer und von viel größerer Bedeutung. Im Falle von Tina Wiegand ging es für mich nicht primär, um das richtige Timing der Ansagen, sondern vielmehr um das Lösen von Kopfblockaden und das Überlisten ihrer Psyche. Obwohl ich selbst noch nie ein Auto auf einer WP bewegt habe, profitierte ich nun auf einmal von den Erinnerungen zahlreicher WP Schlachten, die sagten was definitiv ging und was nicht.

Tina brauchte vor allem Zuspruch in den schnellen Abschnitten, das heisst die Kurven, die wir als "voll" notiert hatten, auch ohne vom Gas zu gehen so zu fahren. Der Mut verliess sie auch wenn das Gripniveau deutlich sank. Ich gab jedoch mein Bestes und versuchte mit Nachdruck und manchmal auch lauter werdend sie zu überzeugen. Ich merkte, wie sehr sie mit sich kämpfte, aber auch immer schneller und besser wurde. Ich hatte das Gefühl, sie empfand es irgendwann nicht mehr als Qual, das alles machen zu müssen. Ob zwei abgefahrene Seitenspiegel oder eine kräftig eingedellte Fahrertür. Das alles war nicht so wichtig und bereitete ihr keine Kopfschmerzen mehr. Tina hatte wieder Spass an der ganzen Sache. Vor allem auf dem langen Rundkurs "Windpark", wo sie selbst mich mit ihrer Freude am Fahren zum lauten Lachen ansteckte.

Ich denke das war das absolut Wichtigste am gesamten Wochenende. Ich hoffe auch für sie. Dass Tina nebenbei noch schnellste Fahrerin der Trophy war und wir einen feinen 5. Platz unter den Citroens nach Hause fuhren, soll nur so nebenbei erwähnt sein.