Weizer Tango

Ich weiß nicht mehr, wie lange es her ist, aber ich glaube mein letzter Start bei einer Rallye in Österreich geht auf das Jahr 2009 zurück. Schon damals war ich fasziniert von den anspruchsvollen Strecken, die nicht nur den Fahrern sondern auch den Copiloten alles abverlangen. Und nach den Erfahrungen, die ich dort machte, war ich immer der Meinung: Um das Rallyefahren richtig zu lernen und zu erfahren (vorausgesetzt man ist kein ausgesprochenes Naturtalent), muss man nach Österreich gehen...

Umso schöner, dass die Mentoren der Citroën Racing Trophy den einmaligen Auslandsstart in unser Nachbarland, in die beschauliche Steiermark auf die Rallye Weiz, legten. Mir fiel es von daher auch leicht auf die zeitgleich stattfindende Wartburg Rallye in Eisenach zu verzichten, die eigentlich immer mein jährliches Highlight ist...

Chauffieren ließ ich mich wieder einmal von Tina Wiegand. Wir wollten durch eine saubere und zügige Fahrt unsere Position in der Trophy Gesamtwertung festigen und auf keinen Fall ausfallen. Wenn es an der Grundschnelligkeit fehlt, dann wirken Ausfälle doppelt schwer. Von der unnötigen extra Belastung der Kriegskasse ganz abgesehen. Ich hielt es aber auch für wichtig, dass Tina den nächsten Schritt auf meiner Leiter des Vertrauens macht. Dafür war diese Rallye mit ihren unzähligen Kurven und den drei Wertungsprüfungen (WPs) in der Nacht eigentlich wie gemacht.

Los ging es bei hochsommerlichen Temperaturen um die 35 °C am Freitag Abend mit dem Rundkurs in Anger und dem einzigen echten Schotterabschnitt der gesamten Veranstaltung. Ein loses Heck auf losem Untergrund ist für den gemeinen Rallyefahrer eigentlich der Himmel auf Erden. Für Tina ist es jedoch die Hölle. Sobald das Wort Schotter in der Gegensprechanlage fällt, verkrampfen ihre Hände am Lenkrad, halten es im Halbgas fest und zögern beim Schalten in den nächst höheren Gang. Das Problem in Weiz war, dass alle anderen WPs zwar 100% Asphaltanteil hatten, durch die ausgefahrenen "cuts" der vorausfahrenden Teilnehmer jedoch zu einer 50 prozentigen Schotterrallye mit unkalkulierbaren Ausgang mutierte.

Tina hatte kein Vertrauen in die Reifen und dem Auto und trotz tollem Aufschrieb auch nicht in meine Ansagen. Das ärgerte mich, der vom Ehrgeiz Getriebene, bis aufs Blut. Ich war sauer, dass die ganze Aufbauarbeit, die wir im letzten halben Jahr geleistet haben scheinbar verpuffte und - jedenfalls aus meiner Sicht - vielleicht auch umsonst war. Die Stimmung zwischen uns war angespannt. Tina hatte keine Lust sich immer wieder von mir runterputzen zu lassen und ich war irgendwie mit meinem Latein am Ende.

Ich hatte das Gefühl, dass wir am Samstag zur Halbzeit der Veranstaltung ein klärendes Gespräch brauchten, indem wir unseren Standpunkt klar machten, einen Strich unter die Sache zogen, um wenigstens noch etwas Spaß zu haben. "Henry, nimm Dich zurück!" war von nun an die selbstbetitelte Prämisse, die in großen Lettern von nun an in meinem Kopf herumschwirrte.

Wie gefährlich und respekteinflößend die Strecken in der Steiermark wirklich waren, erlebten wir dann am Nachmittag auf indirekte Weise selbst. Vor dem Rundkurs in Naas erfuhren wir von dem WP-Leiter, dass ein Fahrzeug aus der Citroën Trophy im Wald auf dem Dach liegen würde. Beiden Insassen ginge es aber gut. Nach einer kurzen Pause wurde wieder gestartet und auch wir auf die Reise geschickt. Wir fuhren 2 Kilometer, dann war Panik. Streckenposten und Zuschauer standen auf der Strecke und zwangen uns anzuhalten. Ein weiterer Citroën war, an der selben Stelle wie zuvor, viel zu schnell auf den rolligen Split gekommen und legte sich vehement ins Unterholz ab. Da wir das erste Fahrzeug an der Unfallstelle waren, galt es schnell zu Handeln. Erste Hilfe musste her, weil die Beifahrerin auf der Straße zusammengebrochen war. Während Tina sich um die Fahrer kümmerte, koordinierte ich am Telefon die Rettung der Verunglückten. Die WP wurde daraufhin abgebrochen.

Nach unserem klärenden Gespräch und dem eben beschriebenen Vorfall lief es für uns überraschenderweise wieder besser. Die hohen Temperaturen von bis zu 60 °C im Auto machten uns beiden nicht viel aus. Topfit konnte Tina sich am Nachmittag im Kurvenlabyrinth am "Koglhof" wieder steigern und fand auch einen viel besseren Rhythmus. Länger am Gas bleiben, später Bremsen, früher Einlenken und Beschleunigen, Schwung mitnehmen und, und, und... all das, was so wichtig bei dieser speziellen Streckencharakteristik ist, konnte sie nun besser umsetzen.

Am Ende kamen wir ohne ein einziges technisches Problem mit dem Citroën DS3 R1 auf dem 6. Platz der Trophy ins Ziel. In der Gesamtwertung fielen wir dadurch zwar auf den 5. Platz zurück, haben aber noch immer sehr gute Chancen auf den dritten Platz in der Endwertung. Hoffen wir das Beste für die nächste Veranstaltung an der Ostsee.