Wittenberger Waldmeister

"Und ihr fahrt dann mit 160 oder so, wie die Bekloppten durch den Wald, ja...? – Warum macht man das eigentlich?", muss ich mir nicht nur des Öfteren von Freunden und Bekannten anhören, sondern ich stelle mir diese Frage in einer ruhigen Minute auch gerne mal selbst. Wenn man lange genug darüber nachdenkt, könnte man sicherlich eine bedeutungsschwangere psychoanalytische Beispielstudie für Adrenalinjunkies anfertigen, aber im Moment des Tuns fällt meine Antwort immer relativ kurz aus: "Weil es geil ist!"

Am Wochenende in Wittenberg stand ich mit dieser Meinung glücklicherweise nicht alleine da. Ich hatte nach einem Jahr wieder einmal das Vergnügen mit Dark Liebehenschel Schotter unter die Räder zu nehmen. Nach unseren tollen Erfahrungen im Citroen C2R2 aus dem letzten Jahr standen uns Zeit und Gesundheit nicht mehr im Weg und alle inneren Stimmen schreiten nach einer Wiederholung. Und da wir in der selben Klasse wie der dreimalige Schottercup Sieger Mark Muschiol fuhren, war auch gleich mal die Motivation geweckt. Vor dem Start hatten wir jedoch noch einige aufregende Minuten zu überstehen...

Die Wertungsprüfungen (WP) fuhren wir vorher mit dem Einsatz-Citroen langsam ab und erstellten in gewohnter Weise unseren Aufschrieb. Doch plötzlich hatten wir beim Korrigieren einer sehr schnellen und langen Waldpassage der zweiten WP keinen Benzindruck mehr. Na prima! Wir kontrollierten die digitale Tankanzeige des Bordcomputers: 44 Liter! Diese 44 Liter zeigte er aber schon seit einem Jahr an und so strandeten wir mitten im Wald mit leerem Tank. Wir konnten jedoch auf unser funktionierendes Rallyenetzwerk in Wittenberg bauen. Patrick Pusch stand einmal mehr kurzerhand zur Stelle und brachte uns frischen Kraftstoff in den nächsten Ort. Bis dahin zerrte uns das Abschleppseil am VW-Bus vom freundlichen Team Ronny Hans und Mathleen Born, bei denen wir uns hiermit recht herzlich bed(t)anken möchten. Den Aufschrieb für die 2 km lange und wichtige Passage konnten wir jedoch vergessen. Dark schien das alles nicht zu beunruhigen und meinte nur zu mir: "Mach Dir keinen Kopf. Nachher geht da eh alles voll!" Er sollte Recht behalten.

Mit Startnummer 39 gingen wir auf die Reise Richtung WP "Apollensdorf Nord". Dark fand nach einem Jahr ohne Fahrpraxis sofort eine ansprechende Pace und attackierte vom Start weg – trotz 12 Kilogramm Winterspeck. Im Ziel der 7 km langen WP musste er jedoch erst einmal kräftig durchschnaufen und beklagte seine feste Unterarmmuskulatur. Der kurze Radstand des Citroens macht das Fahrverhalten besonders auf losem Untergrund extrem nervös. Dem kann man nur durch kräftiges und gekonnt schnelles Gegenlenken entgegenwirken. Das wiederum erfordert eine gewisse Fitness. Wir waren 4 Sekunden langsamer als Muschiol im Renault Clio. Doch das weckte Darks Kampfgeist und so ließ er es auf der folgenden WP umso mehr krachen. Wir waren 5 Sekunden schneller als Muschiol und führten beim Regrouping in Straach mit einer Sekunde. Wir analysierten, dass es an der einen oder anderen Ecke noch ein bisschen schneller gehen könnte. Ein bisschen später bremsen und weniger quer fahren, dann sollte es passen.

Auf der WP 3 hatten wir dann eine sehr brennzliche Situation zu meistern. Der eine Minute vor uns gestartete Lada des Teams Weidner/Petzold fuhr sich im tiefen Sand fest und stand quer auf der Strecke als wir volles Rohr eine Waldgerade herunterkamen. Wir mussten stark abbremsen und die Gefahrenstelle langsam umfahren. Erst nach zwei Kilometern fand Dark wieder in seinen Rhythmus, konnte aber trotzdem seinen Vorsprung auf 4 Sekunden ausbauen, da Muschiol das selbe Schicksal ereilte.

Zum Abschluss zeigte Dark noch einmal, was mit dem französischen Rennfloh auf Schotter möglich ist. Obwohl der Aufschrieb auf der oben erwähnten langen Waldpassage nicht korrekt war und ich ihm die Kurven nicht mehr richtig ansagen konnte, ging er nicht vom Gas. Ich konzentrierte mich derweil auf einen markanten Linksabzweig, um schnellstmöglich wieder in den Aufschrieb zurückzufinden und die folgenden Kurven vorbeten zu können. Es passte alles. Mit der 4. Gesamtzeit fuhren wir zufrieden den Klassensieg nach Hause, waren bestes zweiradangetriebenes Fahrzeug und konnten uns über einen tollen 5. Gesamtrang freuen.

Im Ziel wurde ich gefragt, wie es denn so lief. Freudestrahlend und kopfschüttelnd zugleich, sagte ich immer wieder: "Der ist verrückt der Typ!" Einer der Teilnehmer erwiderte daraufhin: "Ja, das ist er sicher. Aber viel verrückter ist der, der sich vertrauensvoll daneben setzt..."