Großer kleiner Mann

Stressiger März! Vierte Woche, dritte Rallye, dritter Fahrer, doch die "Erze" ist Pflicht. Und zwar nicht nur weil sie Veits Heimveranstaltung, sondern auch einfach Kult ist. Wir rollten mit unserem weißen verbesserten Swift in Stollberg an. Unsere Motorenprobleme sollten, nach den vielen Rückschlägen, jetzt endlich der Vergangenheit angehören, denn über den Winter konzentrierten sich unsere Mechaniker darauf den Motor ölgerecht und vor allem standfest zu machen. Ein Test auf dem Sachsenring gab grünes Licht. Der Motor hält. Unter diesen Voraussetzungen musste unser Ziel ganz klar der Divisionssieg sein. Mit einem halben Auge schielten wir aber auch nach einem Top Ten Platz im Gesamtklassement, denn immerhin war es Veits 15. Teilnahme. Dafür müssten wir es aber auch ganz schön krachen lassen, als Team perfekt funktionieren und auch ein bisschen auf Ausfälle vor uns hoffen. Motivation war also da.

Los ging es Freitagabend mit dem Nachtrundkurs zwischen den Häusern in "Oberdorf". Sehr schnell und extrem eng – mit Bäumen die direkt an der Asphaltkante stehen. Leichter Nieselregen im Service, machte die Entscheidung für weiche Intermediate-Reifen relativ einfach. Vom Start weg ließ Veit den Swift fliegen. In der zweiten Runde liefen wir jedoch auf ein tschechisches Skoda Team auf. An ein Vorbeikommen auf den engen Straßen war nicht zu denken. Wir verloren schätzungsweise 5 Sekunden in seinem Windschatten und führten dennoch mit 48 Sekunden die Division an (Gesamtplatz 18).

Am Samstagmorgen ging es dann weiter zum Rundkursklassiker in "Grünhain". Wir nutzen unseren Aufschrieb vom letzten Jahr und waren bereits auf die schmierigen und ausgefahrenen Stellen vorbereitet. Trotzdem hatten wir einen Aha-Moment, als der Swift nach einem "cut" bergab zu tänzeln begann. Doch danach lief alles schön flüssig und wir flogen spektakulär auf Gesamtplatz 17. Auch in "Mildenau" nutzen wir die Erfahrungen aus den letzten Jahren, fuhren sauber und mit viel Schwung und verbesserten uns um eine weitere Position. Dann kam "Gelenau"...

Die Wertungsprüfung (WP) "Gelenau" ist Veits Heimstrecke. Ein Plattenweg, der es in sich hat und eine echte Mut und Fahrerprüfung ist. Sie liegt 10 km von seinem Heimatort entfernt und viele Zschopauer nutzten die kurze Anreise, um uns zu sehen. Und allen wollte er zeigen, wie toll er Autofahren kann. Der Aufschrieb passte perfekt und im Ziel freuten wir uns wie die Schneekönige, weil alles passte. Durch die 11. Gesamtzeit verbesserten wir uns auf Gesamtplatz 15. Five more to go...

Im Service in Annaberg hatten wir nichts zu berichten. Wegen der kalten Temperaturen und dem unberechenbaren Wetter (es schneite!) blieben wir auf den Intermediate-Reifen. Beim zweiten Durchgang in "Mildenau" hatten wir eine kurze Schrecksekunde, da Veit sich kurz verschaltete und den Motor in Drehzahlbereiche trieb, die er noch nie zuvor gesehen hatte. Doch alles blieb ganz. Dann kam wieder "Gelenau".

Wir wollten unbedingt eine Top Ten Zeit fahren und analysierten, wo wir noch etwas länger auf dem Gas stehen und noch etwas später bremsen könnten. Und dann ging er los, der Ritt auf Messers Plattenschneide. Im Ziel wollte ich meinen Augen nicht trauen, als ich auf meine Stoppuhr schaute. Wir waren 10 Sekunden schneller als beim ersten Durchgang und schafften es auf der Hausstrecke endlich in die Top Ten. Im Gesamtklassement verbesserten wir uns auf Platz 14 und profitierten danach von zwei Ausfällen vor uns (Gesamtplatz 12).

Das Wetter verbesserte sich. Die Wolken verzogen sich und wichen der Sonne. Wir wechselten im Service in Stollberg vorne auf weiche Trockenreifen. Veit fing an sich wegen der Kupplung Sorgen zu machen. Beim Anfahren funktionierte sie nicht mehr wie gewohnt, aber leider konnten wir nichts dagegen tun – außer Beten. Das Problem verschlimmerte sich nach dem Start der WP "Wildbach", auf die ich mich besonders freute, weil sie für mich absolut neu war. Veit schaltete ab sofort ohne Kupplung und ließ sich von dem Problem nicht beirren. Es war beeindruckend. Wir waren das viertbeste Fahrzeug mit Frontantrieb, hatten aber 50 PS weniger zur Verfügung als die vor uns liegende "Konkurrenz" (Gesamtplatz 11).

Auf der Verbindungsetappe zur Start-Ziel WP "Oberdorf" kamen wir kaum noch über die Kreuzungen hinweg. Beim Anfahren knarrte und schnarrte es dermaßen zwischen Getriebe und Motor, dass wir kurz überlegten aufzuhören. Nein, wir kämpften weiter. Vom Start der WP ging es sehr zögerlich los, aber wenn der Swift erst einmal ins Rollen kam, knallte Veit nur noch so die Gänge rein, fuhr selbst im Schotter seine saubere Linie weiter und brannte eine weitere 10. Zeit in den Asphalt.

In Jahnsdorf dann das unrühmliche Ende unserer Fahrt in die Top Ten. Die Kupplung hielt zwar, aber die Konzentration war für den Bruchteil einer Sekunde weg. An einem Abzweig hoben wir an der Innenkante zu sehr ab, rutschen am Kurvenausgang gegen den seit Jahren bekannten Außenbordstein und rissen uns das rechte Vorderrad ab. Ein Anfänger- und Aufschriebfehler. Veit stieg aus dem Auto und war fassungslos: "Ich höre mit dem Rallyefahren auf. Ich bring's nicht mehr... ich bring's einfach nicht mehr..." Ich stand derweil weit abseits des Geschehens und glaubte enttäuscht seinen Worten.

Nach dem ersten Frustbier und den aufmunternden Worten unserer Mechaniker, relativierte er jedoch seine Meinung und bat mich, ihm schnellstmöglich die nächsten Rallyetermine zukommen zu lassen.

Was mir Veit König am letzten Wochenende gezeigt hat, ist weit mehr als eine starke Leistung auf der Strecke. Er bewies mir, und ich glaube und hoffe vielen anderen auch, dass der kleine Mann eigentlich ein ganz Großer ist.