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Stephan Dammaschke, den Namen kannte ich eigentlich schon relativ lange. Mein erster persönlicher Kontakt zu ihm geht allerdings erst auf das letzte Jahr und die Lausitz Rallye zurück. Dort schenkte er Veit König und mir gleich einmal "unerklärliche" 30 Sekunden auf der ersten Wertungsprüfung (WP) ein. Das zweite Mal trafen wir uns am Anfang diesen Jahres auf einer ADMV Jahressiegerehrung in Burgstädt bei Chemnitz, wo wir Zeit fanden uns etwas näher zu unterhalten. Das Zusammenspiel von Fahrer und Beifahrer, der enge Konkurrenzkampf mit anderen Teams und der Zusammenhalt in der Szene, dass sind die Dinge, die ihm im Rallyesport am wichtigsten sind – vornehmlich auf Schotter und mit scheinbar unterlegenem Material. Eine klassische "Underdog" Einstellung, die mir gefiel und in Erinnerung blieb.

Da seine Stammbeifahrerin, Julia Siegel, beruflich verhindert war und dringend Ersatz für sich an Stephan's Seite für die Rallye Zwickauer Land suchte, interessierte mich vor allem, inwiefern seine Einstellung der Wirklichkeit entsprach und sagte deshalb kurzerhand zu. Was ich bis dato jedoch nicht wusste war, dass Stephan's System Kurven zu notieren invers zu dem war, was ich in den gesamten letzten 11 Jahre vorgelesen habe. Das heißt, dass er die Kurvenwinkel, dem "Uhrenprinzip" folgend, von 1 bis 5 einstuft. Dabei ist 1 eine schnelle und 5 eine langsame Kurve. Mir wurde dieser Hinweis jedoch noch rechtzeitig mitgeteilt (am Abend vor der Rallye), so dass ich lediglich eine halb schlaflose Nacht hatte, in der ich mich im Umdenken schulte und von Uhren träumte.

Unser Einsatzauto war der familieneigene Ford Escort RS 2000. Ein ehemaliges Rundstreckenauto, dass konsequent auf die Bedürfnisse des Rallyesports angepasst wurde und mit dem Stephan dieses Jahr bereits tolle Ergebnisse im Schottercup einfahren konnte. Ein Untergrund, auf dem die reine Leistung des Fahrzeugs noch immer nicht ganz so entscheidend ist. Vielmehr braucht man Mut und Können. Eine Hand am Lenkrad und eine am Handbremshebel, um im kritischen Fall dem zickigen Fahrzeugverhalten Einhalt zu gebieten – das ist genau Stephan's Ding.

Während der Besichtigung konnte ich ihm noch ein paar Tips geben, wie und wo er seinen Aufschrieb verbessern konnte, denn die drei verschiedenen WPs hatten es durchaus in sich. Man kann sagen, es war wieder mal eine Rallye vom alten Schlag. Mischbeläge und Schotterabschnitte wechselten sich munter ab. Die einzige WP mit 100% Festbelag war der abschließende Rundkurs in der Nähe des Rallyezentrums. Doch der Reihe nach.

Vor dem Start der ersten WP fing es leicht zu regnen an und ich fragte Stephan, ob ihm das was ausmache. Seine kurze Antwort, dass man es ja eh nicht ändern könne, war genau das, was ich hören wollte. Unsere Kommunikation war von Beginn tadellos. Trotzdem setzte Stephan beim Anbremsen eines T-Abzweiges etwas zu spät den Anker. Er rettete die Situation zwar noch mit dem Handbremshebel, allerdings ging es danach frontal kurz ins Feld. An der Graskante zurück auf die Straße rissen wir uns einen Teil der vorderen Stoßstange ab und verloren 4 Sekunden auf die Klassenbestzeit des Teams Horlbeck/Lenk im Ford Fiesta. Ironie am Rande, denn dies ist Stephan's ehemaliges Einsatzfahrzeug.

Nach der 6. Gesamtzeit auf WP 3 durch das Kieswerk, konnten wir unseren Rückstand auf Horlbeck/Lenk in einen 1,5 Sekunden Vorsprung ummünzen. Nachlassen wollten wir allerdings nicht. Eher noch einen draufpacken. Was dann auf der vierten WP folgte, war Rallyefahren der allerfeinsten Sorte. Der Ritt auf Messers Schneide inklusive Kurzausritt ins Feld bescherte uns die 4. Gesamt- und klare Klassenbestzeit. Stephan meinte danach zu mir, dass dies die WP seines Lebens war. Da passte einfach alles.

Unsere Konkurrenz in der Klasse hatte dem nichts mehr entgegenzusetzen oder entledigte sich ihrer selbst. Wir wollten aber unbedingt den überraschenden 5. Platz in der Gesamtwertung halten und bestes Fahrzeug mit einer angetriebenen Achse bleiben. Dafür allerdings den Klassensieg zu riskieren, kam nicht in Frage. Wir mussten daher taktisch auf eine gesunde Mischung aus Angriff und Verteidigung umstellen. Vor dem letzten Rundkurs hatten wir noch einen Vorsprung von 5,3 Sekunden auf den drehmomentstarken Diesel-Scirocco des Teams Schmidt/Luther.

Wie erwartet waren wir auf reinem Asphalt der Konkurrenz jedoch technisch unterlegen und hatten von daher keine Chance irgend etwas gegen deren Vormarsch zu unternehmen. Unsere Klasse gewannen wir trotzdem souverän und Stephan konnte (und kann) richtig stolz auf seine Leistung und den 7. Gesamtrang sein. Das war einfach spitze.